Herzlich willkommen bei der Buchautorin M. Amber


Nainoa

Over the falls

„Ich wurde in meinem bisherigen Leben

 nur von einer Sache magisch angezogen,

 und das war das Surfen. Ich war besessen davon,

 die nächste Welle zu reiten.

 Ohne das wogende Meer unter mir zu spüren,

 war ich nicht ich selbst und konnte es nicht erwarten

wieder mit meinem Brett hinaus auf den Ozean zu kommen.

Sobald ich den Gesang des Wellengangs vernahm,

fühlte ich mich einfach nur noch gut.

 Das Wellenreiten war meine einzige Leidenschaft,

jedenfalls bis SIE in mein Leben trat.

 Plötzlich änderte sich alles und die Sehnsucht nach Nähe wurde immer größer und mächtiger.

 Bis diese Liebe drohte mein Leben zu zerstören.“

 

 Nainoa

 

Klappentext:

 

Der Surfprofi Nainoa K. ist gutaussehend, reich und bei den Frauen heiß begehrt. Er genießt sein Singledasein, das sich jedoch schlagartig ändert, als er nach Jahren zum ersten Mal wieder seine Heimatinsel Maui besucht. Denn dort trifft er auf Giselle Aleuten und ihr Auftauchen wirft bei Nainoa viele Fragen auf. Wer ist dieses Mädchen und warum trägt sie den gleichen Armreif wie er?

 

"Nainoa – Verhängnisvolle Brandung" erzählt den Beginn der fantastischen Liebesreise, diesmal aus Nainoas Sicht.

 

 

 

Leseprobe

 

 

 

EINS

 

 

 

Der kleine Monitor vor mir zeigte ununterbrochen die verbleibende Zeit bis zu meiner Ankunft an. Wie ein Countdown. Noch 1:58 h, noch 1:57 h…, dann würde ich nach über zwei Jahren selbst auferlegten Exils wieder auf Maui landen. Mein Freund Cole heiratete dort am nächsten Tag seine Freundin Linda Dawson.

Cole heiratete.

Wirklich.

Es war kaum zu glauben.

Cole war noch rastloser als ich selbst gewesen, was schon einiges aussagt. Für ihn waren "Romantik" und "die Liebe fürs Leben" eine Erfindung von Hollywood. Er hatte nicht daran geglaubt. Aber als er auf Linda traf, änderte er seine Meinung um hundertachtzig Grad. In kürzester Zeit wurde er zum richtigen Pantoffelhelden. Und dann wünschte sich Linda auch noch eine echte Traumhochzeit auf Maui. Ausgerechnet auf Maui, meiner Heimatinsel. Im Moment hatte ich das Gefühl alle um mich herum machten einen auf "glückliche Familie". Waren wir Jungs wirklich schon so weit? Es kam mir so vor, als wäre es erst gestern gewesen, dass ich mit Cole, Jeff und Patrick durch die Clubs von Los Angeles zog. Wir hatten viel Spaß gehabt, keine Frage. Doch nun befanden sie sich alle seit längerem in einer festen Beziehung. Jeff machte den Anfang mit Isabella. Nach ihm verliebte sich Cole über beide Ohren in Linda und als letztes in unserer Clique traf es Patrick unverhofft, als er Alisar bei einem Surfcontest kennenlernte.

Außer meiner Wenigkeit, ich war definitiv noch nicht bereit mich fest zu binden. Mir gefiel mein Single Dasein, vor allem die Freiheit, die damit einherging.

Ich freute mich natürlich für Cole, absolut, aber seit dem Tag als ich seine Hochzeitseinladung erhalten hatte, beschäftigte ich mich mit einer ganz anderen Frage. Und sie ließ mich bis zu diesem Tag nicht los: Ist es an der Zeit, den Streit mit meinem Vater beizulegen und den Versuch zu starten, mich mit ihm zu versöhnen? Mein Besuch auf Maui bot eine gute Gelegenheit dazu. Dass ich mich seit über zwei Jahren nicht mehr bei meiner Familie gemeldet hatte, lag nicht an meiner mangelnden Liebe zu meinem Vater. Ganz im Gegenteil. Ich liebte ihn sehr, und ich liebte Peter und Pela und ich vermisste meinen kleinen Cousin Michael. Seit Weihnachten hatte ich selbst mit Michael nicht mehr telefoniert. Ich rechnete kurz nach und als ich bemerkte, dass mein letztes Telefonat also ganze sechs Monate zurücklag, überkam mich das erste Mal so etwas wie ein schlechtes Gewissen. Ich war ein miserabler Cousin, dabei war ich für Michael immer wie ein großer Bruder gewesen. Und meine wundervolle Tante Pela und meinen großartigen Onkel Peter hatte ich genauso im Stich gelassen, als ich mich entschlossen hatte, die Verbindung zu meiner Familie auf Maui vorerst auf Eis zu legen. Dabei hatten die drei nichts mit dem Streit zwischen meinem Vater und mir zu tun. Doch nach dem Tod meiner Mutter konnte ich einfach nicht mehr bleiben. Nicht so tun, als wäre alles wie immer. Ich musste weg, egal um welchen Preis. Da kam das Angebot meines Sponsors wie gerufen. Ich musste nur den neuen Sponsorenvertrag unterzeichnen und nach Los Angeles ziehen und wurde so von heut auf morgen zum mehrfachen Millionär. Wer hätte da „nein“ gesagt. Ich kannte nicht viele. Nur einen, und das war mein Vater. Er konnte meine Entscheidung nicht akzeptieren. Er sprach davon, dass alle mich brauchten, dass Maui unsere Heimat war, die man nicht so einfach im Stich lassen durfte. Mein Vater und sein ewiges Hochhalten der Traditionen. Seine ständige Moral. Doch ich konnte für niemanden eine Hilfe sein, ich brauchte in dieser schwierigen Zeit damals selbst Hilfe. Doch die bot mein Vater mir nicht an.

Seine vorwurfsvollen Worte schallten immer noch in meinen Ohren, wenn ich daran zurückdachte:

„Du verkaufst dich, Nainoa. Du machst dich zu einer Marionette der Industrie. Deiner Mutter würde es nicht gefallen, wenn du dein Leben als selbstbestimmter Mensch aufgibst – für Geld. So haben wir dich nicht erzogen.“

Da hatte es mir gereicht. Dass er meine Mutter dafür missbrauchte, mir ein schlechtes Gewissen zu machen, habe ich ihm bis zu heutigen Tag nicht verzeihen können. Denn ich wusste genau, wie meine Mutter reagiert hätte an seiner Stelle.

Sie hätte gesagt: „Probier es aus. Wenn es dich wirklich glücklich macht, dann tu es. Sei aber auch so stark um es wieder zu beenden, wenn du eigentlich etwas anderes möchtest. Bleibe wachsam und vertraue immer dir selbst und deinen Gefühlen. Aber egal, welchen Weg du einschlägst, vergiss nie wer du bist, und dass wir, deine Familie, immer für dich da sind, wenn du uns brauchst. Wir lieben dich.“

So oder so ähnlich wären die Worte meiner Mutter gewesen. Denn sie sprach ihre mütterlichen Weisheiten oft aus, in allen Situationen meines Lebens, in denen ich sie um ihren Rat bat.

Es tat weh, mich in diesem Moment an sie zu erinnern.

Ein Kloß bildete sich in meinem Hals und ich schluckte schwer. Eine Träne war dabei sich zu bilden, doch ich wischte schnell mit meinem Handrücken über meine nassen Augen, um zu verhindern gleich losheulen zu müssen.

Herrje! Hätte mein Vater nur ein Wort des Verständnisses geäußert und alles wäre zwischen uns anders gelaufen. Je länger ich über meine Beziehung zu meinem Vater nachdachte, desto stärker wurde das innere Wummern in meinem Körper und machte es mir schwer eine Entscheidung zu treffen.

 

Tatsächlich musste ich über eine Stunde vor mich hingegrübelt haben, denn als ich das nächste Mal auf den Monitor vor mir blickte stand dort eine Ankunftszeit von dreiundzwanzig Minuten. Kurz darauf kam eine Stewardess und bat mich, auf meinem Sitz zu bleiben und mich anzuschnallen. Sie lächelte mich übertrieben an und ich versuchte freundlich zurückzulächeln, während ich den Anschnaller einrasten ließ.

Das Flugzeug landete mit einem unangenehmen Ruck auf dem schmalen Rollfeld von Kahului.

Seit dem Start in Los Angeles schaute ich das erste Mal bewusst nach draußen.

„Jetzt bin ich wieder da. Auf Maui.“

Das Wummern wurde zu einem inneren Kribbeln und ich konnte es nicht leugnen: Ich freute mich tatsächlich wieder hier zu sein. Dieses Gefühl verstärkte sich nochmals, als ich aus dem Flugzeug ausstieg und nach einer so langen Abstinenz Maui’s frische Luft einatmete. Dieses Aroma war einzigartig auf der ganzen Welt. Und ich wusste, wovon ich sprach. Ich war schon an sehr vielen Orten dieser Welt zu Gast, doch nichts kam an dieses Gefühl heran. Das Prickeln erreichte nun meinen ganzen Körper und ich nahm einen kräftigen Atemzug, bevor ich weiterging um mein Gepäck zu holen.

Ein Taxi brachte mich in ein neues Resorthotel, das nah am Pointbreak und am Haus meines Vaters lag. Als ich das Hotel betrat, spürte ich wie sehr die ganze Grübelei mich angestrengt hatte und ich war ungewohnt müde vom Flug. Ich wollte nur noch einchecken und eine Mütze voll Schlaf tanken.

„Aloha, Mister Nainoa K., es ist uns eine große Ehre Sie als Gast im Hana Moon begrüßen zu dürfen“, sagte die junge Frau an der Rezeption und schien etwas zu aufgeregt zu sein. Ihre Stimme überschlug sich mehrmals beim Sprechen, wobei sie anscheinend vergaß weiterzuatmen.

„Aloha. Danke schön, kann ich mein Zimmer sehen, bitte?!“

Die Frau auf der anderen Seite des Tresens hielt mir mit zittrigen Fingern die Schlüssel entgegen.

„Ja sicher, Sir, ihr Zimmer ist fertig“, atmete sie schwer und klimperte dabei unentwegt mit ihren Wimpern.

Seufzend nahm ich die Schlüssel, unterschrieb brav auf der Reservierung vor mir und drehte mich um.

„Soll ich Ihr Gepäck nach oben bringen lassen?“, hörte ich erneut ihre Stimme hinter mir. Ich wendete mich zu ihr, um nicht unhöflich zu sein.

„Nein, danke.“

„Haben Sie sonst noch einen Wunsch, den wir Ihnen erfüllen dürfen, Sir?“

„Nein, danke.“

„Entschuldigen Sie, Mister Nainoa K.?“

Demonstrativ legte ich meine Taschen wieder ab.

„Ja, was, bitte?“, gab ich erschöpft zurück.

Die junge Dame sammelte sich kurz, dann begann sie ihren Text herunterzuspulen. „Ich weiß, Sie hören es sehr oft. Aber ich bin wirklich einer Ihrer größten, größten Fans, wirklich.“ Sie schluckte nervös. „Wenn es möglich wäre…, ich meine, wenn es Ihnen nichts ausmacht,… ich hätte sehr gerne ein Autogramm von Ihnen.“

„Puh, das fehlte mir jetzt noch“, dachte ich genervt.

Diese Rezeptionistin stand vor mir, mit hochrotem Kopf, und himmelte mich an, als hätte ich ein Mittel gegen Krebs entwickelt. Ich hatte ganz vergessen, wie Mauiʻs Einwohner auf mich reagierten. Ich war so etwas wie Mauiʻs persönlicher Held. Aber ich war kein Held. Ich war nur Surfer. Diese Hysterie war auch einer der Gründe, warum ich damals dringend eine Auszeit von dieser Insel brauchte.

Ich blinzelte auf das Namensschild über ihrer Brust und las ihren Namen. Miss Lucy Pool, stand dort.

„Ja, sicher, Miss Pool“, gab ich freundlich zurück und verzog meinen Mund zu einem halben Lächeln. Ein ganzes Lächeln konnte ich meinem Körper nicht abringen. Denn in meinem Kopf pochte es mittlerweile vor Müdigkeit und ich spürte wie ich Kopfschmerzen bekam. Aber Miss Pool reichte es scheinbar aus, denn sie wirkte als hätte ich ihr gerade einen Heiratsantrag gemacht.

Nachdem ich endlich Lucy Pool schmachtend mit einem Autogramm in den Händen hinter mir ließ, ging ich die Treppen hoch in den zweiten Stock und suchte dann nach Zimmer 23.

Das Zimmer war wirklich schön. Ich wusste, hier könnte ich es drei Tage aushalten. Sofort ließ ich meine Taschen auf den Boden fallen und mich danach selbst aufs Bett. Sekunden später fiel ich in einen tiefen und erholsamen Schlaf.

 

Das lang anhaltende Klingeln meines Handys weckte mich irgendwann auf. Noch im Halbschlaf suchte ich mein Telefon und zog es erst Minuten später umständlich aus der Seitentasche meines Rucksacks heraus, der direkt neben mir auf dem Boden lag.

„Ja?“, krächzte ich heiser in den Hörer.

„Nainoa? Wo bleibst du denn? Ich warte schon über eine halbe Stunde im Foyer deines Hotels. Ich dachte, ich sollte dich hier um acht Uhr abholen?“

„Jeff? Bist du das?“ Mittlerweile hatte ich mich im Bett aufgerichtet und betrachtete meinen Körper, der immer noch in den Klamotten des Vortages steckte.

„Hast du verschlafen?“, fragte Jeff mich am anderen Ende der Leitung.

„Wie spät ist es denn?“, fragte ich zurück und rieb mir über das Gesicht.

„Halb neun. Um neun sollten wir uns an der Kirche treffen. Beeil dich, Mann!“ Jeff klang gestresst.

„So ein Mist“, fluchte ich. Ohne mich auszustrecken, stieg ich hastig aus dem Bett.

„Tut mir leid, ich beeil mich. Bin in zwanzig Minuten unten“, versprach ich meinem Freund und legte dann auf. Ich hörte ihn nur noch, „ich hoffe es für dich“, sagen. Ich schaute nochmals auf mein Handy und kontrollierte die Uhrzeit.Tatsächlich.Ich hatte unglaubliche dreizehn Stunden durchgepennt. Dafür fühlte ich mich extrem erholt und besser gelaunt, im Gegensatz zum Tag zuvor.

Fünfzehn Minuten später traf ich im Laufschritt im Foyer ein und stand frisch geduscht in meinem dunklen Anzug vor Jeff.

„Bist du alleine?“, wollte er wissen, ohne mich zuvor zu begrüßen und schaute suchend an mir vorbei.

„Ja klar bin ich alleine. Ich habe euch doch schon vor Wochen gesagt, dass ich ohne Begleitung komme“, antwortete ich.

„Ich dachte, das war ein Scherz“, gab er immer noch irritiert von sich.

„Wen sollte ich denn mitbringen? Deiner Meinung nach“, wollte ich gereizt wissen.

Er zuckte bloß mit den Schultern und ging Richtung Ausgang. Ich trat nach ihm ins Freie, als er auf meine Frage reagierte. „Keine Ahnung. Vielleicht diese heiße Blonde   ̶   letztens am Malibustrand. Du weißt schon.“

Nein, ich wusste nicht, von wem er da sprach. „Keine Ahnung. Malibu?“

Ich durchforstete mein Gedächtnis, was Jeff eindeutig zu lange dauerte.

„Na diese Große, sah aus wie ein Topmodel mit Silikontitten.“ Jeff unterstrich seine Beschreibung anschaulich mit einer Geste, indem er seine Hände so vor die Brust hielt, als würde er zwei riesige Melonen tragen.

„Ach die, herrje, nein danke. Ich weiß nicht mal mehr wie sie heißt.“

„Das ist ja nichts Neues. Aber sie war heiß, wirklich.“

„Sie war strohdoof“, erwiderte ich und das war die Wahrheit.

„Na und was sollʻs, das macht vieles in einer Beziehung einfacher“, scherzte er.

„Willst du damit andeuten, Isabella sei zu klug für dich?“, schlussfolgerte ich.

Jeff schaute mich gespielt ernst an. „Das weißt du aber nicht von mir.“

Ich legte meine Hand auf seine Schulter „Versprochen, ich erwähne es nie wieder.“

Wir wechselten kurz einen amüsierten Blick und gingen dann den Weg zum Parkplatz hoch.

„Du bist auf der Suche nach Miss Perfect, aber die gibt es nicht. Glaub mir.“

 „Ich bin auf gar keiner Suche. Und ich weiß nicht, wo das Problem liegt, allein auf Coles Hochzeit zu gehen?“, blaffte ich ihn an. „Es ist doch keine Pflicht jemanden mitzubringen, oder?“ Langsam ging es mir gewaltig gegen den Strich, wie die Jungs versuchten mich zu verkuppeln. Auch, wenn sie es meist lustig und mit viel Ironie taten. Es nervte irgendwann.

Jeff zog lediglich skeptisch seine Augenbrauen zusammen. „Komm, mein Auto steht dahinten. Isabella wartet bereits.“

Jeff ging mit schnellen Schritten voraus und ich folgte ihm.

Nach ein paar Metern sah ich seinen Sportwagen und Isabella schaute ungeduldig aus dem offenen Fenster der Beifahrertür hinaus. Als sie uns sah, schrie sie: „Beeilung Jungs, es ist bald neun.“

Ich nahm hinten Platz, nachdem ich Isabella begrüßt hatte. Mit einer entschuldigenden Geste sagte ich: „Tut mir leid, ich hab verpennt.“

Isabella drehte sich zu mir. „Wo ist deine Begleitung?“

„Sprich lieber nicht weiter. Nainoa reagiert gereizt auf diese Frage“, antwortete Jeff seiner Freundin grinsend, noch bevor ich meinen Missmut preisgeben konnte. Dann drückte er aufs Gaspedal, so dass die Reifen quietschten, und fuhr los.

„Warum bist du nicht hoch gekommen ins Hotelzimmer, anstatt anzurufen? Dann hätte ich auch nicht verschlafen“, grummelte ich.

„Wollte ich ja, aber die überkorrekte Dame an der Rezeption hat dich abgeschottet als wärst du unser Präsident. „Nainoa K. erwartet keinen Besuch. Ich bin nicht befugt Sie zu ihm zu lassen“, ahmte Jeff Miss Pools Stimme und Gestik recht gut nach.

Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen.

„So ist sie, die gute Miss Pool. Sie ist seit gestern sozusagen mein persönlicher Leibwächter“, sagte ich schmunzelnd.

„Verrückte Frau. Echt, nicht mal die Zimmernummer wollte sie rausrücken“, schloss Jeff das Thema Lucy Pool mit einem Kopfschütteln ab, um sich wieder ganz der Straße vor ihm und seinem erhöhten Tempo zu widmen.

Wir waren trotzdem eine halbe Stunde zu spät, da wir noch ganz bis ans andere Ende der Insel fahren mussten. Auf der Fahrt entlang der Küste kamen Gefühle in mir hoch, die ich lange nicht mehr gespürt hatte. Alles kam mir so vertraut vor. Jede kleinste Ecke der Insel kannte ich in und auswendig. Ich ließ das Fenster heruntersurren und streckte meine Hand nach draußen. Der warme Wind drückte gegen meine Handflächen und wehte mir angenehm ins Gesicht. Die Sonnenstrahlen glitzerten auf meiner Haut. Jeder Strahl, so kam es mir vor, hatte eine andere Farbe. Manche blitzten rötlich auf, andere zauberten einen blau-grünen Schimmer auf meine Arme, die ich so weit wie möglich aus dem Fenster lehnte. Ich seufzte. Bis gestern hatte ich geschickt verdrängt wie schön meine Heimat war, wie besonders, und wie privilegiert ich gewesen war, hier aufwachsen zu dürfen.

Als wir an der Kirche ankamen, saßen bereits alle drinnen auf den, mit weißen Blütengirlanden, geschmückten Bänken.

Die weiße Holztür der kleinen Kirche knarrte als ich sie öffnete. Leise passierten wir den Gang und setzten uns auf die freien Plätze direkt hinter der Sitzreihe, in der Coles Familie Platz genommen hatte. Coles kleine Schwester, sie war gerade sechzehn geworden, drehte sich zu uns um. „Wo wart ihr bloß so lange?“, flüsterte sie.

Isabella flüsterte zurück: „Nainoa hat verschlafen und er ist ohne Begleitung hier, aber sprich ihn nicht drauf an.“

„Echt? Wieso? Was stimmt denn nicht mit ihm?“, gab Nathalie überrascht von sich und musterte mich.

Ich stöhnte auf, während Isabella mir frech zuzwinkerte und belustigt erwiderte: „Keine Ahnung, aber er wird bei dem Thema sauer.“ Sie lachten leise.

Jeff musste unnötiger Weise auch noch einmal seinen Senf dazugeben. „Mach dir nichts daraus. Du bist halt nicht der Attraktivste. Ist halt schwer für dich eine Begleitung zu finden“, gab er mit hochgezogener Braue von sich. Und wären wir nicht in einer Kirche gewesen hätten Isabella und auch Nathalie sich bestimmt lauthals amüsiert, aber so verkniffen sie es sich und glucksten leise hinter vorgehaltener Hand. Gut für mich, dass in diesem Moment der Organist anfing zu spielen und sich alle gespannt nach hinten drehten, um dem Einmarsch der Braut zuzusehen. So beschränkte sich der Hohn meiner Freunde, dem Himmel sei Dank, nur auf ein paar Sekunden.

Die Zeremonie nahm ihren typischen Lauf und gemeinsam ging es anschließend in ein Hotel in Strandnähe, um zu feiern.

Cole und Linda waren wirklich ein hübsches Brautpaar und sie gaben sich alle Mühe der Hochzeitsfeier ein hawaiianisches Flair zu verleihen. Doch letztendlich war es, bis auf ein paar Leis und Kokosnüsse als Deko und einer Gruppe hawaiianischer Feuertänzer auf der Bühne, eine ganz normale, amerikanische Hochzeit.

Nach dem offiziellen Teil und dem Essen, wurde die Hochzeitsfeier gegen Abend doch noch zu einer echten Herausforderung für mich.

Das offensichtliche Fehlen einer Begleitung war wohl für einige junge Frauen das Signal, mich ununterbrochen auf die Tanzfläche zu zerren oder mir einen Drink in die Hand zu drücken.

Nachdem ich mit sechs verschiedenen, mir bis dahin unbekannten Frauen, getanzt hatte, war ich froh, als Jeff, Cole und Patrick mich von der Tanzfläche holten, um mit mir an der Bar einen Drink zu nehmen. Ich brauchte dringend eine kleine Verschnaufpause.

„Hey, jetzt verstehe ich, warum du ohne Begleitung hier bist“, scherzte Patrick, als ich endlich bei ihnen ankam. „So hast du die freie Auswahl heute, wie?“

„Schön wär’s, aber zum Schluss fühlte es sich an als wäre ich der Pokal bei der Frauen-Wrestlingweltmeisterschaft“, gab ich zurück, wischte mir mit einer Serviette den Schweiß von der Stirn und renkte kurz meinen Rücken wieder ein, bevor ich mich hinsetzte.

„Du kannst nichts dagegen machen. Du bist halt einer der begehrtesten Junggesellen des Landes. Ich glaube, eine Sekunde später und sie hätten sich um dich auf der Tanzfläche geprügelt“, warf nun Cole ein.

„Anscheinend hast du bei deinen Tanzpartnerinnen Eindruck hinterlassen“, fügte er kurz darauf mit einer Geste Richtung Tanzfläche hinzu. Ich folgte seinem Blick und sah wie eine der Damen, mit denen ich gerade noch getanzt hatte, vor uns stand und mich anstarrte. Als ich in ihre Richtung sah, winkte sie mir zu und lächelte. Dann machte sie sich auf den Weg zu uns.

„Na prima, jetzt kommt sie auch noch her“, stöhnte ich.

„Hi Nainoa. Hast du Lust auf einen Drink?“ Sie sprach schnell und mit einer hohen, recht quiekigen Stimme.

„Nein danke, ich hab mir gerade was bestellt, sorry.“

„Dann hast du vielleicht Lust auf einen zweiten Tanz?“ Sie ließ nicht locker, obwohl ich ganz und gar nicht angetan wirkte von ihren Vorschlägen.

„Tut mir Leid, aber ich wollte mich kurz mit meinen Freunden in Ruhe unterhalten.“

„Okay, vielleicht später?!“, schloss sie endlich ihrer Fragerei ab.

„Ja, mag sein“, gab ich unverfänglich zurück.

Sie warf mir noch einen dieser Blicke zu, bei denen die Frauen ihre Augen aufschlugen und dabei einen Schmollmund machten.

Ich presste meine Lippen aufeinander und nickte ihr zu, als sie in ihrem pinken, kurzen Kleidchen und auf ihren High-Heels von dannen stöckelte. Dabei versuchte sie verführerisch mit ihrem Po zu wackeln.

Frustriert wendete ich mich wieder meinen Freunden zu, die mich amüsiert anblickten.

„Okay“, seufzte ich, „es war definitiv ein Fehler hier ohne Begleitung aufzutauchen.“

„Warum denn?“, lachte Patrick sich scheckig. „Sie war doch süß, die Lady in Pink.“

„Seid ihr alle auf den Kopf gefallen, oder was? Habt ihr nicht ihre Stimme gehört? Sie klingt wie Kermit der Frosch auf Helium.“

„Fand ich nicht“, meinte Jeff. „Ihre Stimme klang eher nach Bugs Bunny auf Speed.“

„Hey Jungs, sie ist eine entfernte Cousine meiner Ehefrau, also keine dummen Scherze mehr über sie, okay!?“, versuchte Cole das Thema zu beenden.

„Wirklich. Cole hat Recht. Schluss jetzt mit mir und der Schwester von Speedy Gonzales“, sagte ich lachend und musste noch diesen einen dummen Spruch loswerden. Es machte einfach zu viel Spaß. Von Cole erntete ich dafür einen ordentlichen Boxhieb auf meinen Oberarm.

„Okay, okay. Lass uns lieber von etwas anderem sprechen“, schlug ich schnell vor, während ich kurz meinen Arm massierte. „Immerhin sind wir hier um dich und Linda zu feiern“, sagte ich nun ohne Spott. Genau in dem Moment stellte der Barkeeper unsere Getränke vor uns ab. „Also, auf dich und Linda. Ich wünsche euch alles Glück der Welt“, gratulierte ich dem Bräutigam und wir erhoben unsere Gläser feierlich.

„Danke Jungs, es tut echt gut, dass ihr hier seid“, meinte Cole und nahm einen kräftigen Schluck seines Drinks. Wir taten es ihm gleich. Der Whiskey brannte noch in meiner Kehle, als ich mir gleich einen weiteren bestellte. Heute wollte ich feiern und nichts anderes. Keine Gedanken über meinen Vater und meinen eventuellen Besuch bei meiner Familie sollten heute meine Stimmung trüben.

„Wie war denn der Junggesellenabend?“, wollte ich von meinen Freunden wissen.

„Super. Schade, dass du gestern nicht dabei warst, du hast echt was verpasst“, erwiderte Cole. „Wir waren erst in Lahaina und später schleppte uns Jeff in eine abgefahrene Spelunke mitten im Dschungel. Er war so betrunken, dass er versucht hat ein freilaufendes Schwein einzufangen, um es am heutigen Abend als Hochzeitsdelikatesse zu verspeisen.“

„Ich hätte es auch fast erledigt“, verteidigte sich Jeff sofort.

 Cole und Patrick prusteten gemeinsam: „Ja klar.“

„Na ja, als du auf dem Rücken des Schweins davon geritten bist, sah es aber eher so aus, als wolltest du gemeinsam mit Miss Piggy in die Flitterwochen aufbrechen“, erzählte Cole und fing erneut an zu lachen.

„Zum hundertsten Mal, es war keine Schweinedame, sondern ein wildes und sehr männliches Schwein“, verteidigte Jeff seine Tat heroisch.

„Bestimmt“, sagten alle gleichzeitig. Außer Jeff, der kapitulierte lieber und bestellte sich grinsend und kopfschüttelnd einen weiteren Drink.

„Jungs, ich wäre wirklich gerne dabei gewesen, aber ihr wisst ja, dass ich ein wichtiges Fotoshooting hatte. Es ging leider nicht“, entschuldigte ich mich zum wiederholten Mal und bereute es den gestrigen Abend nicht gemeinsam mit meinen besten Kumpels verbracht zu haben. Aber solche Termine konnte ich einfach nicht verschieben. So leid es mir auch tat.

„Ich besorge dann ein Schwein für Jeffs Hochzeitfeier als Wiedergutmachung, versprochen.“

„Das kann noch dauern. Isabella hat es nicht eilig mit dem Heiraten. Wogegen ich nichts einzuwenden habe“, kommentierte Jeff gelassen.

„Du hast echt Glück mit Isabella. Sie ist spitze, genau wie Linda“, betonte ich und prostete Jeff und Cole zu, die es mir gleichtaten. Ich mochte Linda, aber Jeff hatte mit seiner Freundin Isabella wirklich einen Volltreffer gelandet. Nicht nur, dass sie eine erfolgreiche Surferin war, obendrein war sie wirklich nett anzuschauen. Sie war einfach extrem unkompliziert, entspannt und super nett. Ganz im Gegensatz zu Alisar, Patricks Freundin. Sie war eine der anstrengendsten, eingebildetsten und zickigsten Personen, die ich kannte. Patrick wusste nicht, dass ich so über seine Freundin dachte. Doch er war auch nicht blöd und spürte, dass ich nicht in Begeisterung ausbrach, wenn es um Alisar ging.

Pikiert darüber, seine Freundin nicht erwähnt zu haben, fragte er mich herausfordernd: „Was würdest du davon halten, wenn ich vielleicht als nächster aus unserer kleinen Runde den Bund fürs Leben eingehe?“

„Wirklich?“, kam es mir zu skeptisch über die Lippen, aber ich konnte es nicht verhindern. Ich meinte, wenn Patrick glücklich war, okay, aber ich konnte ihn beim besten Willen nicht verstehen. Diese Frau tat ihm nicht gut, da war ich mir sicher.

Auch Jeff und Cole brummten nur unverfängliche Wörter vor sich hin.

„Ist das alles, was euch dazu einfällt?“, fragte Patrick verärgert.

Ich hob abwehrend meine Hände vor die Brust. „Es ist dein Leben, Mann. Mach, was du für richtig hältst.“

„Verdammt noch mal ja, das ist es und das werde ich auch“, meinte Patrick triumphierend und ein wenig zu laut.

Wir gaben uns High Five und die Sache war gegessen. Unsere Freundschaft war wirklich recht unkompliziert.

Unsere Männerrunde hatte sichtlich ihren Spaß. Es folgten ein paar Drinks und die Wirkung des letzten Whiskeys spürte ich dann doch verstärkt in meinem Körper. Der Boden unter mir begann zu schwanken und eine leichte Übelkeit machte sich in mir breit. Gerade versuchte ich mich aufzurichten, um die Waschräume aufzusuchen, da kamen die Mädels auf uns zu. Linda, die Braut, Isabella und Alisar. Automatisch fiel ich zurück auf meinen Sitz. Die Frauen steuerten direkt auf ihre Männer zu, als wären sie magnetisch. Und schon war der unkomplizierte Spaß abrupt vorbei. Gezwungener Maßen wurde ich dann auch noch Zeuge von dem ständigen Geküsse, Geschmuse und Gesäusel um mich herum. Ich fühlte mich irgendwie deplaziert und wendete mich ab, stützte meine Unterarme auf den Tresen und starrte in das leere Glas in meinen Händen. Die Übelkeit, die ich tief in meinem Magen spürte, war dabei nach oben zu wandern. Doch ich riss mich zusammen und bestellte mir zur Abwechslung eine Coke.

Gleichzeitig dachte ich darüber nach, wie wichtig meine Freundschaft zu Cole, Jeff und auch Patrick für mich war. Seit meinem Umzug nach L.A. waren die Jungs so etwas wie eine Familie für mich geworden. Komischer Weise erkannte ich genau in diesem Moment, wie gerade alles dabei war sich zu verändern. Vor Jahren lernte ich Cole und Patrick beim Surfen kennen. Jeff arbeitete für meinen Sponsor als Marketing Manager, aber Surfen war seine große Leidenschaft, wie von uns allen. Wir alle liebten das Surfen, das verband uns. Und bis zu diesem Tage dachte ich wirklich, diese gemeinsame Leidenschaft würde alle anderen Beziehungen überleben. Was für eine bescheuerte Idee. Denn nur bei mir war das Surfen die wichtigste Beziehung im Leben. Niemals würde eine Frau mir mehr bedeuten können als das Wellenreiten. Von dem Ritt auf der perfekten Welle war ich nahezu besessen. Bei einer Frau konnte ich Spaß haben, vielleicht auch kurzfristig Gefühle investieren, um die Illusion des Verliebtseins für eine begrenzte Zeit aufrechtzuerhalten. Aber mehr als Sex war es meist nicht. Auf mehr hatte ich keine Lust.

„Was ist los, Nainoa?“, unterbrach auf einmal Alisars Stimme meine Gedanken. „Legst du eine Pause beim Frauenabchecken ein?“, fragte sie mich listig.

„Wie bitte, wer checkt hier Frauen ab? So ein Quatsch“, wehrte ich mich grimmig gegen den Unsinn, den Alisar mal wieder von sich gab.

„Wenn hier einer Quatsch redet, bist du das. Klar checkst du ab, weil du ein scheiß Frauenfeind bist“, sagte sie und schnaufte verächtlich.

Nun waren plötzlich alle still und ich wendete mich zu ihr, um ihr in die Augen zu schauen. „Was hast du gesagt? Ich bin ein scheiß Frauenfeind? Ich glaube du tickst nicht ganz richtig.“

„Hey, hey, ihr beiden“, mischte sich Patrick sofort ein und versuchte zu beruhigen. „Alisar meinte es nicht so. Stimmtʻs?“

Er legte seinen Arm um ihre Taille und zog sie näher zu sich, doch sie löste sich energisch aus seiner Umarmung.

„Warum sollte ich mich entschuldigen? Dass er sich angegriffen fühlt, zeigt doch nur, wie Recht ich habe.“

Alisar ging eindeutig zu weit mit ihren Bemerkungen. Auch wenn sie offenbar alkoholisiert war, gab es dennoch keinen Grund dafür. Obendrein brachte sie mich mit ihrem süffisanten Lächeln beinahe dazu meine Beherrschung zu verlieren, aber den Gefallen tat ich ihr nicht.

Trotzdem hatte sie es geschafft, dass die Stimmung kippte. Jeff räusperte sich und Cole sah Alisar fassungslos an. Auch Linda und Isabella war diese Szene unangenehm, das konnte man spüren. Auf gar keinen Fall wollte ich mich auf Coles Hochzeitsfeier mit dieser dummen Zicke streiten, deshalb hielt ich es für das Beste aufzustehen und zu gehen. Als ich mich erhob, kamen der Schwindel und die Übelkeit jedoch sofort zurück, die ich die Minuten zuvor erfolgreich unterdrücken hatte. Nun konnte ich es nicht mehr verhindern, dass sich alles um mich herum drehte. Ich hielt mich am Barhocker fest und versuchte mich nicht sofort zu übergeben. Zumindest hoffte ich, es noch bis zur Toilette zu schaffen. Obwohl ich eigentlich nichts dagegen gehabt hätte, Alisar auf ihre scheiß Schuhe zu kotzen.

„Alles klar bei dir?“, fragte Jeff mich besorgt.

„Ich ruf mir ein Taxi, mir geht’s nicht gut.“

Cole war enttäuscht. „Echt, jetzt schon?“

„Tut mir leid“, schaffte ich noch zu sagen, dann rannte ich so schnell wie möglich in Richtung Toiletten.

„Scheiße, scheiße nochmal“, war das Einzige, das mir durch den Kopf ging, als ich zum dritten Mal meinen Mageninhalt in die Kloschüssel übergab.

Irgendwann hatte mein Körper genug und ich schaffte es aufzustehen, mich frisch zu machen und mich wieder nach draußen zu bewegen.

Jeff saß alleine an der Bar und wartete auf mich. „Und wie geht’s?“

„Beschissen. Keine Ahnung, was mit mir los ist. Aber ich denke, es ist besser, ich fahre zurück ins Hotel.“

„Wenn es wegen Alisar ist, dann … Ich meine, die Alte hat doch eh einen Knall, das wissen wir alle.“

„Es ist nicht wegen Alisar. Ich habe mich gestern schon nicht so gut gefühlt. Kann ja sein, dass ich irgendetwas ausbrüte.“

„Dann fahr ich dich“, meinte Jeff ohne zu zögern.

„Lass mal gut sein, du hattest mindestens so viele Drinks wie ich.Du solltest besser heute auch nicht mehr Auto fahren.“

„Okay, ich sag Cole Bescheid und ruf dir ein Taxi.“

„Ja, danke“, sagte ich und stützte mich an der Bar ab. Unter meinen Füßen schwankte der Boden immer noch unangenehm. Kurz darauf kam Cole auf mich zu und ich gab mir Mühe mich aufzurichten.

Natürlich war er nicht begeistert von meinem frühen Aufbruch. Es war nicht einmal 22 Uhr. Aber er sah auch, wie schlecht es mir ging.

 

Eine halbe Stunde später stand ich auf der Straße und wartete auf das Taxi. Erschöpft setzte ich mich auf eine nahegelegene Bank und schaute in den sternenklaren Himmel über mir.

Es sah wunderschön aus. In Los Angeles sah man kaum Sterne, eigentlich nie. Dazu war diese Megacity auch nachts viel zu hell erleuchtet. Aber hier auf Maui war der Himmel tiefschwarz und die Sterne schienen zum Greifen nah. Ich sog die klare Abendluft ein und fühlte mich schon ein wenig belebter. Trotzdem hatte ich keine Lust mehr zurück zur Feier zu gehen. Ich genoss es alleine zu sein. Entspannt legte ich meinen Kopf in den Nacken und starrte weiter nach oben. Plötzlich zog eine Sternenschnuppe direkt über mir hinweg. Ich wollte mir etwas wünschen, doch absolut gar nichts kam mir spontan in den Sinn. Es schockierte mich richtig, dass ich keinen Wunsch parat hatte und mir nichts einfiel.

Denn als Kind liebte ich es Sternenschnuppen zu sehen. Damals hatte ich noch tausend Wünsche und einige gingen sogar in Erfüllung. War ich wirklich bereits, mit nur 29 Jahren, so desillusioniert und hatte wirklich keine Wünsche und keine Träume mehr übrig? Diese Erkenntnis machte mich traurig und ich überlegte, an welchem Punkt meines Lebens ich falsch abgebogen war. Denn genauso fühlte es sich an. Irgendwas stimmte in meinem derzeitigen Leben nicht, doch ich wusste nicht, was es war.

Ein eindringliches Klappern von Frauenschuhen kam immer näher. Ich hörte auf in den Himmel zu blicken und spähte die Straße entlang. Das Klackern wurde lauter und sogar im schummrigen Licht, der schlecht beleuchteten Straße, konnte ich sofort die grelle, pinke Farbe ihres Kleides erkennen. Sie steuerte direkt auf mich zu.

„Hat diese Frau mir einen Peilsender untergejubelt, oder wie schafft sie es, mich immer ausfindig zu machen?“, wunderte ich mich.

„Hey, was machst du hier?“, wollte sie gleich von mir wissen und setzte sich unverfroren neben mich auf die Bank. Sie hatte etwas von einem gestylten Pudel, der meine Fährte aufgenommen hatte.

Ich rieb mir über die Schläfe.

„Ich warte auf ein Taxi.“

„Du willst schon los? Schade.“

„Ja und nein.“

Sie guckte mich unwissend an.

„Ja, ich muss schon los. Nein, das ist nicht schade. Besonders nicht für dich“, erklärte ich ihr missmutig.

Sie schien nicht zu kapieren, denn sie antwortete: „Ich könnte dich begleiten und dir Gesellschaft leisten.“ Dabei setzte sie wieder dieses einstudierte laszive Lächeln auf. Dieses Lächeln begegnete mir am heutigen Tag mindestens ein Dutzend Mal.

Meinen die Frauen wirklich, dass wir Männer auf diese Tour abfahren?

Na gut, ich musste mir eingestehen, auch ich bin schon des Öfteren mit solchen Frauen im Bett gelandet, aber auch nur, weil sie es einem so verdammt einfach machten. Meistens war eh Alkohol im Spiel.

Ich biss mir auf die Lippe, während ich darüber nachdachte, wie ich Pink Lady am besten wieder loswerden konnte. Doch da beugte sie sich auch schon zu mir und begann an meiner Unterlippe herumzuknabbern. Ich rührte mich nicht, ließ es zu, dass ihr Mund höher wanderte und sie mir schmutzige Wörter ins Ohr zu flüstern begann.Ich war immer noch angetrunken, doch selbst in meinem Zustand erzeugte ihre piepsige Stimme nah an meinem Ohr das Gefühl, gleich loslachen zu müssen. Aber ich wollte ihre Gefühle nicht verletzen, ich wollte sie einfach nur loswerden. Und zwar so schnell wie möglich. Während ich mich also zusammenriss keine Beleidigungen auszusprechen, schob ich sie sanft von mir.

„Nein, danke“, lehnte ich ihre eindeutigen Angebote ab, stand auf und ging näher an den Straßenrand. Vom Taxi war weit und breit nichts zu sehen. Zu meinem Verdruss.

Pink Lady ließ sich jedoch nicht so leicht abschütteln. Das wurde mir klar, als ich unerwartet ihre Arme spürte, die sie von hinten um meine Hüfte legte. Obwohl mir das vorhergehende High-Heel-Geklapper eine Warnung hätte sein sollen. Ich atmete tief ein und befreite mich von ihrer Umarmung, in dem ich ihre Hände von meinem Körper streifte und einen Schritt zur Seite ging.

„Hör endlich auf damit!“, zischte ich sie an.

„Was hast du denn?“ Sie verringerte erneut den Abstand zwischen uns und plötzlich lag ihre Hand auf meiner Hose und zwar direkt über meinem besten Stück. Ich war perplex. Diese Frau besaß die Hände eines Taschendiebs. Ich hatte das Ankommen ihrer Hand nicht im Ansatz bemerkt. Erst als sie anfing meinen Schritt zu massieren, fragte ich mich verwundert wie ihre Finger so schnell dort hingelangen konnten. Auch, wenn ich ihre Geschicklichkeit kurz bewunderte, war meine Geduld jetzt doch zu Ende.

„Warum machst du das?“, stellte ich ihr die wohl dümmste Frage der Welt in so einer Situation. 

 Sie hörte auf ihre Hand zu bewegen, obwohl das keinen Unterschied machte. In meiner Hose rührte sich gerade gar nichts.

Sie antwortete: „Weil du Nainoa K. bist.“

Mir fiel zu dieser Frau nichts mehr ein, außer, dass ich angewidert ihre Finger von meinem Körper entfernte.

Sie fügte schmollend hinzu: „Ich find dich heiß, extrem heiß.“

Ich atmete tief durch, um so viel Naivität verdauen zu können.

„Aha, du kennst also meinen Namen und findest mich heiß, sehr gut. Noch was?“, fragte ich so sarkastisch wie nur möglich.

Sie zuckte bloß mit den Schultern und zeigte mir eindeutig, dass sie keinen blassen Schimmer hatte, wovon ich da sprach.

Es gab Abende, an denen hätte ich Pink Lady nichts gefragt, sondern sie einfach weiter machen lassen. Mich hätte es nicht interessiert, wie ihre Stimme klang, oder ob sie mich nur wollte, weil ich Nainoa K, reich und berühmt war. Unter anderen Umständen hätte mich das alles nicht abgehalten, sie mit in mein Hotelzimmer zu nehmen. Aber an diesem Abend war alles anders. Irgendwas in meinem Inneren sagte mir deutlich, dass ich das nicht mehr wollte.

Stattdessen möchte ich Pink Lady fragen, ob sie überhaupt noch einen Funken Stolz besaß. Aber ich verkniff mir diese dumme Bemerkung. Denn eigentlich war ich derjenige, der dringend seinen Stolz und vor allem seine Träume wiederfinden musste. Und das nicht nur, um bei der nächsten Sternenschnuppe, die ich in meinem Leben erblickte, einen Wunsch in den Himmel schicken zu können.

Es ging um viel mehr, das wurde mir in dieser Nacht bewusst.

Ich blickte Pink Lady an. Bestimmt war sie auch an irgendeinem Punkt in ihrem Leben verkehrt abgebogen. Denn ansonsten würde sie nicht gerade mit mir hier auf dieser Straße stehen.

„Verschwinde jetzt, bitte!“, bat ich sie resigniert.

Doch sie blieb.

Als ich mich umdrehte, sah ich die Scheinwerfer des Taxis. Kurz danach kam das Auto direkt vor meinen Füßen zum Stehen. Ich stieg ein, ohne mich umzusehen. Als der Fahrer losfuhr, sah ich aus dem Fenster einen kleinen pinkfarbenen Punkt in der Dunkelheit leuchten.

 

„Bye bye, Pink Lady“, dachte ich und fühlte mich so einsam wie noch nie zuvor in meinem Leben.

 

 

 

ZWEI

 

 

 

In der darauffolgenden Nacht im Hotel fand ich keinen Schlaf. Ich wälzte und drehte mich stundenlang unruhig im Bett umher. Um fünf Uhr in der Früh stand ich frustriert auf, ohne auch nur eine Sekunde geschlafen zu haben und zog mich an, um eine Runde Joggen zu gehen. Sport half mir immer meine Affen im Kopf loszuwerden. Außerdem hatte ich zwei Tage mein tägliches Trainingsprogramm ausgesetzt.

 

Als ich nach einem Acht-Kilometer-Lauf, wieder am Strand nahe dem Hotel ankam und die saubere Dünung des Meeres vor mir sah, ärgerte ich mich, dass ich kein Surfboard dabei hatte. Also begnügte ich mich mit ein paar Situps und Liegestützen, die ich im Schatten der Palmen absolvieren konnte.

Langsam kamen die ersten Surfer zum Strand, ein paar Grommets waren bereits draußen und hatten ihren Spaß. Ich war immer wieder beeindruckt davon, was die jungen einheimischen Surfer draufhatten. Ich setzte mich in den Sand und schaute den talentierten Kids eine Weile zu, bis ich mich wieder auf den Weg zurück ins Hotel aufmachte.

Dort angekommen freute ich mich nach drei Stunden Sport auf eine Dusche und auf ein Frühstück, das ich mir aufs Zimmer bestellte. Ich hatte immer noch keine Lust auf Gesellschaft, und so nahm Miss Lucy Pool kurz darauf übermotiviert meine Bestellung am Telefon auf.

Nach einer Weile klopfte es an der Tür.

„Ihr Essen, Sir! Wo soll ich es hinstellen?“

Die junge Frau, die vor mir stand, musterte mich kurz.

Ich hoffte inständig, nicht wieder so einen nervigen und mit den Wimpern klimpernden Fan vor mir zu haben. Doch als ich sie ebenfalls kurz betrachtete, senkte sie sofort wieder ihren Blick und schob schweigend den Wagen in die Mitte des Raumes.

„Stellen Sie das Essen bitte hier hin“, bat ich mit dem Rücken zu ihr gewandt und kramte aus meiner Hosentasche ein Trinkgeld heraus. Noch bevor ich mich umdrehte, hörte ich ein lautes Krachen hinter mir. Erschrocken blickte ich mich um und sah das Mädchen auf dem Boden liegen. Den kleinen Metallwagen hatte sie mit sich gerissen, denn er lag umgekippt neben ihr und das Essen war kreuz und quer auf dem Teppich zerstreut.

Sofort beugte ich mich zu ihr und tastete nach ihrem Puls, dabei bemerkte ich wie ihre Haare an ihrem Nacken klebten. Kalter Schweiß bedeckte ihren Körper. Ihre Augen waren geschlossen und ihr Atem war so flach und leise, dass ich ihn erst nicht ausmachen konnte. Kurz hatte ich Angst, sie könnte tot sein. Mit zittrigen Händen suchte ich nochmals ihren Herzschlag. Erleichtert stellte ich einen schwachen Puls an ihrem Hals fest. Schnell sprang ich auf und rief die Nummer der Hotelrezeption an. „Rufen Sie einen Krankenwagen, schnell! Zimmer 23. Hier ist eine Mitarbeiterin von Ihnen in Ohnmacht gefallen. Sie ist ohne Bewusstsein. Beeilen Sie sich!“

Miss Pool reagierte schnell und handelte sofort. Derweilen legte ich den Hörer beiseite und lief ins Badezimmer. Mit einem kalten Waschlappen in der Hand kam ich zurück, kniete mich erneut zu dem Mädchen, das sich jedoch immer noch nicht rührte. Vorsichtig legte ich den nassen Lappen auf ihre Stirn.

„Hallo, Miss, wachen sie auf!“, sprach ich und hatte für eine kurzen Moment das Gefühl ihr Mund hätte ein wenig gezuckt. Also redete ich einfach weiter, dabei betrachtete ich sie. Doch sie rührte sich nicht, nicht die kleinste Bewegung konnte ich wahrnehmen. „Wo bleibt nur der Krankenwagen?“, schimpfte ich ungeduldig. Sekunden kamen mir vor wie Minuten, Minuten wie Stunden.

Irgendwann hörte ich den erlösenden Klang der Sirenen, der immer lauter wurde. „Der Krankenwagen ist da“, brachte ich glücklich hervor. „Alles wird gut, hörst du?“, sagte ich zu ihr gerichtet, dabei nahm ich ihre Hand und legte sie in meine. Sie trug einen goldenen Armreif, der bei dieser Bewegung ein Stückchen hinunterrutschte und meine Finger berührte. Dann sah ich es und es war als hätte mich ein Blitz getroffen und gleichzeitig die Erde unter mir zu beben begonnen. Den Armreif, den dieses Mädchen an ihrem Handgelenk trug, kannte ich nur zu gut. Seine geschwungene Form war so einzigartig, dass ich glaubte meine Sinne spielten mir gerade einen Streich. Ich blinzelte angestrengt, bevor ich mit meinem Finger über das goldene Schmuckstück strich. Nein, der Reif war da, ganz real. Ich hörte auf zu atmen und hatte plötzlich das Gefühl, dass unter meiner Schädeldecke gerade einige Gehirnzellen explodierten.

„Gehen Sie bitte zur Seite, Mister!“, hörte ich plötzlich eine männliche Stimme neben mir sagen. Ich war wie in Trance und hielt immer noch die fremde Hand fest. Ich konnte sie nicht loslassen.

„Bitte machen Sie Platz!“, wiederholte einer der Rettungsassistenten, die dabei waren eine Trage in mein Hotelzimmer zu schieben. Benommne schaute ich mich um. Miss Pool stand da und fragte mich etwas, das ich nicht verstand. Dann begann der Mann das Mädchen zu untersuchen, während ein anderer versuchte meine Hand von ihr zu lösen.

„Haben Sie die Frau gefunden?“, fragte er mich.

Ich musste mich sammeln. Mein Blick und meine Sinne waren immer noch benebelt. Es kostete mich all meine Kraft ihre Hand loszulassen und dem Mann zu antworten.

„Sie hat mir das Essen gebracht, Sekunden später fiel sie um, einfach so“, stotterte ich benommen.

„Kennen Sie die Frau, sind Sie mit ihr verwandt?“, wollte er daraufhin von mir wissen.

Ich schüttelte den Kopf. „Nein.“

„Alles klar“, sagte er und schob mich zur Seite. Dann hoben sie den reglosen Körper des Mädchens auf die Trage. Alles ging so rasant schnell und ein Redegewirr drang an meine Ohren. Ich stand einfach da und meine Hand, die eben noch das Mädchen festgehalten hatte, fühlte sich kalt und taub an. Ich erkannte wie sie ihr eine Beatmungsmaske und eine Spritze gaben. Einen letzten Blick, dann schoben sie die Trage hinaus aus dem Zimmer und sie war verschwunden.

Miss Pool lief aufgeregt umher und ein Zimmermädchen begann den Fußboden zu säubern. Als niemand mehr da war, schloss ich die Tür ab, nachdem ich ein „Bitte nicht stören -Schild“, von draußen an die Türklinke gehängt hatte. Ich schaltete mein Handy aus und ging ins Badezimmer. Dort auf der Ablage vorm Spiegel lag mein Armreif. Ich nahm ihn und drehte ihn zwischen meinen Händen, dabei versuchte ich mir den Reif von dem fremden Mädchen nochmals vor Augen zu führen.

Er war wie meiner, aber wiederum auch nicht.

Oder doch?  

Ich atmete tief aus und schob den goldenen Reif über meine Hand.

„Vielleicht habe ich mich ja auch geirrt“, dachte ich verwirrt. „Immerhin stand ich unter Stress, habe weder geschlafen, noch etwas gegessen. Vielleicht ist ihrer gar nicht wie mein Armreif.“

Erschöpft ließ ich mich auf mein Bett fallen, drehte mich auf die Seite und schloss die Augen.

Ohne es steuern zu können, tauchte das Mädchen in meinen Gedanken auf. Ich hoffte sehr, dass es ihr bald wieder gut ging. Mit den Bildern der letzten Stunde schlief ich ein und hatte einen seltsamen Traum.

 

In meinem Traum stand ich am North Shore auf Oahu, das erkannte ich sofort. Die Sonne brannte vom Himmel und blendete mich. Ich blinzelte hinauf aufs offene Meer. Mit meinem Board unterm Arm ging ich näher ans Ufer heran. Mehrere perfekte Wellenberge türmten sich von weit draußen auf. Ich kannte die Pipe in- und auswendig. Also ging ich weiter, dort wo der Channel am besten war, um weit rauszukommen.

Das Wasser spritzte mir ins Gesicht als ich mit meinem Board ins Meer eintauchte. Für diese Augenblicke lebte ich. Die Sonne wärmte meinen Rücken, während das kühle Wasser meinen Körper umgab. Mit ein paar kräftigen Armzügen überwand ich die ersten Wellen und befand mich schon bald im Line-up.

Doch ich war alleine.

Von weitem näherte sich ein perfektes vier Wellen Set. Ich wunderte mich, dass bei diesem Swell niemand außer mir hier war. Bei so einer sauberen Dünung sollte die Pipe voll sein, wie sonst auch. Ich beobachtete das Set und entschied mich die dritte Welle zu nehmen. Es war die richtige Entscheidung, denn dieses Barrel entpuppte sich als Diamant. Obwohl ich in meinem Leben schon unzählige Male von der Welle mitgenommen wurde, ihren Abhang hinunter rasen durfte, um dann, wenn man Glück hatte, den Barrel zu meistern, war es dennoch immer wieder ein unbeschreibliches Gefühl und jedes Mal aufs neue strömte Adrenalin durch meine Adern. Egal, wie oft man hier am Pipe schon gesurft war, jede Welle war anders und jede kleinste falsche Bewegung konnte einen hier vom Brett holen.

Zu meiner Freude stand ich noch, als ich die Tube verließ.

Ich wischte mir die Wasserspritzer aus den Augen und ließ mich an Land spülen.

Nochmals schaute ich mich um, doch der Strand war leer. Nicht eine Menschenseele war dort. Etwas unheimlich war es schon, trotzdem wollte ich noch mal raus.

Durch die Sandbank produzierte das Meer gerade eine Welle nach der anderen, wie eine Maschine. Da konnte ich nicht hier draußen sitzen und zugucken.

Ich schmiss mich ins Weißwasser und paddelte hinaus. Als ich durch die zweite Welle durchtauchte, sah ich plötzlich neben mir ein Board.

Erst erkannte ich sie nicht, doch als ich genauer hinschaute, sah ich das Mädchen mit dem goldenen Armreif. Sie lächelte mir zu. Etwas verwirrt, sie dort zu sehen, lächelte ich zurück. Gleichzeitig erreichten wir das Line up, und ich checkte noch mal die Entfernung zum Strand ab und suchte mir einen Fixpunkt.

„Alles okay?“, fragte sie mich, als würden wir uns kennen.

Ich nickte reflexartig.

Dann schenkte sie mir wieder ein Lächeln, und es fühlte sich so an, als ob mir dieses Lächeln vertraut wäre. Das fremde Mädchen wartete noch kurz ab, dann setzte sie sich mit ihrem Board in Bewegung. Genau zum richtigen Zeitpunkt paddelte sie los. Und für so ein zierliches Mädchen, das sie war, bekam sie sogar recht schnell ein hohes Tempo zustande. Ich ließ ihr den Vortritt, auch weil ich neugierig war, was sie draufhatte. Sie war nicht schlecht, und obwohl sie die Tube nicht ganz schaffte, hatte sie sich wacker geschlagen. „Die Pipe kann um diese Jahreszeit wirklich gnadenlos sein“, dachte ich und versuchte auch mein Glück.

Ich war froh darüber, über die Fähigkeiten zu verfügen, noch einmal mit diesem Barrel zu verschmelzen.

Wieder im ruhigen Channel legte ich mich aufs Board und suchte das Meer nach ihr ab. Nicht weit von mir entfernt saß sie auf ihrem Brett und guckte in meine Richtung. Ich schaute mich um, doch es schien als hielt sie nach mir Ausschau, so wie ich nach ihr. Es war komisch, doch allmählich kam es mir so vor, als würde ich sie kennen. Sogar mehr als das. Ohne zu zögern, paddelte ich auf sie zu. Als ich sie erreichte, setzte ich mich auch auf mein Board. Doch ich wusste nicht was ich sagen sollte. Ich blickte sie stumm an. Mit einem leisen Seufzen legte sie sich mit dem Rücken aufs Board, schloss die Augen und genoss es sichtlich sich von den Wellen hin- und herschaukeln zu lassen. Es war mir nicht möglich sie nicht dabei zu betrachten, während sie ihre Arme über ihren Kopf legte und sich ausstreckte. Mein Blick ruhte erst auf ihrem Gesicht, dann wanderte er an ihrem Körper entlang. Sie war schön. Wunderschön. Ihre vollen, geschwungenen Lippen formten ein zufriedenes Lächeln und die Wasserperlen auf ihrem Körper glitzerten. Ihre haselnussbraunen Haare lagen über ihrer Brust und reichten ihr bis zur Taille. Ihr Körper war perfekt.

„Es ist so schön hier“, sagte sie, ohne mich dabei anzusehen.

Ich blinzelte sie an, dann wanderte mein Blick hinunter zu ihrem Handgelenk. Dort glänzte ihr Armreif in der Sonne.

Unsicher räusperte ich mich. „Ja“, war alles was ich sagte, daraufhin legte ich mich ebenfalls auf mein Brett. Nur das Meer war zu hören. Ich entspannte mich und genoss diese Stille. Irgendwann jedoch trafen sich unsere Blicke. Ihre grünen Augen schimmerten mit dem Meer um die Wette. Ich wusste nicht warum, aber ich streckte meine Hand nach ihr aus. Sie reichte mir ihre so selbstverständlich als wäre diese Geste die normalste der Welt. Am liebsten hätte ich sie gefragt, ob wir uns kennen und wenn ja, woher. Doch diese Frage konnte ich nicht mehr stellen. Denn als ich ihre Hand in meiner hielt, war es, als wäre meinem Körper ein fehlendes Stück zugefügt worden. Als hätte ich nie etwas anderes gebraucht als diese kleine Berührung, durch die ich mich merkwürdig komplett fühlte. Ich spürte wie eine Energie meinen ganzen Körper durchzog. Es fühlte sich eigenartig warm an, so wie sie mich anschaute. Jetzt war ich es, der sie zuerst anlächelte. Ich dachte in diesem Moment nicht mehr darüber nach, wer sie war; ich wusste einfach, dass sie zu mir gehörte. Sie streichelte über meine Finger und schob meinen Armreif ein kleines Stückchen weiter, bevor sie meinen Blick erwiderte, der jedoch urplötzlich abgelenkt wurde. Wie in einem Zeitraffer zog eine dunkle Wolkendecke über uns herüber und in Sekundenbruchteilen verdunkelte sich das ganze Meer. Ich fror plötzlich am ganzen Körper als wäre die Sonne gänzlich verschwunden und die Temperatur um mindestens zehn Grad gefallen. Wir erschraken gleichzeitig, richteten uns auf unseren Boards auf, ließen dabei aber unsere Hände nicht los. Unsere Surfbretter begannen zu vibrieren und zu schaukeln. Sogleich türmte sich das Meer direkt neben uns auf, wie ein riesiger Strudel, der zum Himmel ragte. Eine Welle, deren Wellenkamm leuchtete, riss mit einer gewaltigen Kraft das Mädchen vom Board. Ich schaffte es auf meinem Board zu bleiben und in letzter Sekunde bekam ich noch ihren Arm zu fassen, doch das Meer zerrte an ihr, als wollte es sie fressen. Ihr Blick war voller Angst. Ihr Arm entglitt immer mehr meinen Fingern, egal wie fest ich zugriff. Die andere Seite war einfach stärker als ich, so dass ich bald nur noch ihr Handgelenk fassen konnte. Der enorme Sog, der sie ins Wasser zog, gewann schließlich, und sie verschwand mit einem Schrei im Meer. Nur noch ein helles beißendes Licht war auf der Oberfläche zu sehen und gleichzeitig beruhigte sich das Meer, als hätte es bekommen, was es wollte. Immer noch formte meine Hand eine Faust, die sich langsam öffnete. Dort, auf meiner Handfläche, lag ihr Armreif. Das Einzige, was ich von ihr festhalten konnte. Mein Herz schlug so schnell, dass es gegen meine Brust hämmerte, bevor ich in die Wellen sprang und untertauchte. Jedoch blendete mich dieses unheimliche Licht so sehr, dass ich blind tauchte. Sehr lange blieb ich unter Wasser und schwamm einfach weiter, in der Hoffnung irgendwann wieder etwas sehen zu können. Aber ich blieb blind und die Luft in meinen Lungen wurde weniger.

„Nein, du musst sie retten“, forderte mich meine innere Stimme unentwegt und laut auf, doch ich konnte nicht. Als ich die Wasseroberfläche mit meiner letzten Kraft durchbrach, konnte ich das erste Mal wieder sehen. Ich sah den Strand und ich sah die zwei Sticks, die einsam auf den Wellen tanzten. Aber das Mädchen blieb verschwunden. Ich wollte ihren Namen rufen, aber ich wusste nicht wie sie hieß. Verzweifelt schrie ich das Meer an, schrie um Hilfe, aber niemand war da.

 

Mit einem heftigen Zucken wachte ich auf und merkte, dass mein Herz genauso laut pochte wie zuvor in meinem Traum.

 

Schweißgebadet richtete ich mich im Bett auf.

„Es war nur ein Traum, beruhige dich“, sagte ich zu mir und zwang meinen Körper ruhiger zu atmen. Doch das war nicht möglich. Der Traum hatte mich so aufgewühlt, ich konnte noch Minuten später die Panik spüren, die er verursacht hatte.

 

Drei Fragen ließen mich seitdem nicht mehr los: „Wer ist dieses Mädchen? Warum trägt sie den gleichen Armreif wie ich? Und warum, verdammt noch mal, bekomme ich sie nicht mehr aus meinem Kopf?“