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Verhängnisvolle Brandung  

 

  Over the falls

 

 

 

von

 

M. Amber

 

 

 

 

 

 


 

Leseprobe

 

 

 

Als ich im Hotel ankam, um meine Schicht zu beginnen, wurde ich an der Rezeption gleich von Lucy, die an diesem Tag leicht hysterisch wirkte, wegen eines neuen Gastes instruiert. Normalerweise konnte Lucy nichts aus der Ruhe bringen, doch nun hyperventilierte sie und fächerte sich mit einem Hotelflyer Luft zu.

 

„Wir haben einen neuen Gast, Zimmer 23“, keuchte sie.

 

Ich runzelte die Stirn, weil ich nicht verstand, worauf sie hinauswollte. Hier gingen die Gäste ein und aus. Ein neuer Gast war wohl keine überraschende Neuigkeit. Ich blickte sie fragend an.

 

„Ja und? Ist der König von Hawaii auferstanden, oder was?“, witzelte ich, doch Lucys Gesichtsausdruck verfinsterte sich kurz. „Darüber macht man keine Scherze“, zischte sie mich an, doch schon eine Sekunde später erhellte sich ihr Gesicht wieder und sie hechelte aufgeregt weiter.

 

„Nein, Nainoa K. hat bei uns kurzfristig eingecheckt.“

 

„Wer?“ 

 

„Sag bloß, Giselle, du weißt nicht, wer Nainoa K. ist?“

 

„Ne, sollte ich?“ Ich zog immer noch unverständlich die Stirn in Falten.

 

„Nainoa K. ist der Surf-Super-Star, 6-facher Weltmeister. Er hat sogar in einigen Hollywood-Filmen mitgespielt und war mit Jenny Lewis zusammen. Mensch!“

 

Sie tippte mir mit dem Zeigefinger auf die Stirn. „Jenny Lewis, der Star aus "Blue Moments"?! Schon mal was davon gehört?“

 

„Ja klar!“, stotterte ich lächelnd. „Blue Moments, kenne ich. Und warum heißt er Nainoa K.? Hat er keinen Nachnamen?“, fragte ich leicht spöttisch.

 

Lucy schüttelte fassungslos den Kopf und starrte mich an, als würde ich von einem anderen Planeten stammen.

 

„Das ist so eine Art Künstlername.“

 

„Aha!“

 

„Zieh dich um, du wirst gebraucht“, sagte sie nun recht geschäftsmäßig, anscheinend hatte ich sie mit meiner Unwissenheit beleidigt.

 

„Mr. Nainoa K. ist unser Ehrengast. Er ist Hawaiianer und hier auf unserer Insel aufgewachsen. Stell dir mal vor: Eine Freundin von mir, Wani Thompson, war mit ihm zusammen auf der High School.“

Lucy merkte, dass ich ihre Begeisterung nicht teilte, also brach sie das Gespräch enttäuscht ab und machte mir den Weg frei.

 

„Wenn du Glück hast, wirst du ihn bald sehen, dann kapierst du, wovon ich spreche“, zischte sie mir ins Ohr, als ich mich an ihr vorbei zwängte, um in den Personalraum zu gelangen, wo meine Arbeitskleidung hing.

Ich lachte skeptisch und betrat die Kammer.

Ein traditionell hawaiianisches Wickelkleid in Blau mit Hibiskusblütendruck, ein Lei und eine Blume fürs Haar lagen auf meinem Platz und ich kleidete mich an, wobei der Unterschied zwischen meiner Freizeitkleidung und der Hoteluniform gar nicht so groß war. In diesem Hotel wurde halt kein Klischee ausgelassen. Mein Arbeitsdress gefiel mir aber sehr, denn ich fühlte mich darin selbstbewusst und weiblich.

 

Als ich schon ein paar Frühstücke in die Zimmer gebracht hatte und einer allein reisenden, älteren englischen Dame auf Zimmer 17 in ihr viel zu enges Kleid geholfen hatte, sprang Lucy mich geradewegs an, um mir mitzuteilen, dass Mr. Nainoa K. den Room Service bestellt hätte.

 

„Er möchte sein Frühstück ins Zimmer gebracht haben“, erklärte Lucy mir. „Du Glückliche, du darfst zu ihm“, stammelte sie weiter.

 

Ich verdrehte nur die Augen und machte mich auf den Weg.

 

Als ich meinen Servierwagen in den Fahrstuhl schob, um in den zweiten Stock zu fahren, war der Fahrstuhl leer. Ich drückte auf die Zwei. Die Fahrstuhltür schloss sich, doch nichts passierte. Ein paar Minuten vergingen, doch der Fahrstuhl bewegte sich nicht. Mein Körper reagierte auf meine einsetzende Platzangst mit leichtem Schweißausbruch und Herzklopfen.

 

„Gott sei Dank.“ Der Fahrstuhl setzte sich in Bewegung, jedoch in die falsche Richtung. Gerade wollte ich ein zweites Mal auf den Knopf drücken, da zuckte ich zusammen. Es war, als hätte mich etwas am Arm berührt. Ein sanfter Windhauch strich über meine Haut, so dass ich Gänsehaut bekam. Ich schaute mich um.

 

Was konnte das gewesen sein?

 

Plötzlich durchströmte mich ein Duft, wie ich ihn von meiner verstorbenen Oma kannte. Es war, als stünde ich in ihrer alten Wohnung. Der Parfümduft war so intensiv, das konnte keine Einbildung sein. Ein Schauer lief meinen Rücken hinunter. Dann bewegten meine Haare sich, als hätte ein Windstoß sie berührt, eine Strähne fiel in mein Gesicht.

 

„Oma?“, wisperte ich ängstlich und kam mir dabei wie in einem Horrorfilm vor. Mein Herz raste, ich fasste mir automatisch an die Brust, um der Enge, die sich um mein Herz zog, entgegenzuwirken. Natürlich hatte ich keine Tabletten bei mir.

Mit dem nächsten Lufthauch öffnete sich die Fahrstuhltür und meine Angst verflog ein wenig. Doch ich spürte, dass mein Haar vom Schweiß in meinem Nacken klebte und meine Wangen vor Aufregung glühten.

 Kurzatmig ging ich langsam den Korridor entlang zu Zimmer 23 und klopfte. „Room Service“, rief ich laut, doch meine Stimme klang zittrig.

Mr. Nainoa K. öffnete die Tür und ich ahnte binnen Sekunden, warum Lucy so ein Brimborium um ihn machte.

Mr. Nainoa K. war nicht nur einfach ein gutaussehender Mann, er war umwerfend: Groß und durchtrainiert. Seine braunen Haare fielen ihm leicht in sein makelloses Gesicht und sein Lächeln zauberte ihm Grübchen in die Wangen und erreichte seine strahlend blauen Augen, die ein interessanter Kontrast zu seiner sonnengebräunten Haut waren. Er schaute mich freundlich, aber auch durchdringend an.

Ich schluckte und hoffte innig, ihn in meiner Benommenheit nicht allzu lange angestarrt zu haben.

Die mysteriöse Begegnung der dritten Art im Fahrstuhl steckte mir immer noch zu sehr in den Knochen.

Ich versuchte, meine professionelle Contenance wiederzuerlangen und lächelte freundlich. „Ähm, Room Service, Mr. Nainoa. Wo darf ich Ihnen das Essen hinstellen?“

„Sie können es dort abstellen, bitte“, sagte er mit einer unverschämt tiefen, sexy Stimme und deutete mir den Weg.

Auf der Innenseite seines rechten Unterarmes fiel mir sogleich eine Tätowierung ins Auge, die nur aus einer Anreihung von Zahlen bestand. Als mein Blick dort haften blieb, bemerkte ich, wie sich die Sehnen seiner Muskeln anspannten. 

„Herrje Giselle, bleib cool!“, ermahnte ich mich lautlos, schob mit weichen Knien den Servierwagen langsam an ihm vorbei und stellte ihn in die Mitte des Raumes.

Gerade als ich mich wieder umdrehen wollte, geschah das, wovon ich so lange auf Maui geheilt schien.

Schon ein paar Mal in meinen Leben war ich einfach so umgekippt, auf der Straße, in der Schule, im Bus. Ich hatte jedes Mal schreckliche Angst vor diesem Moment und ich wusste nie, wann es wieder geschehen könnte. Wenn ich nichts mehr steuern konnte, mein Körper mir entglitt und mein Geist schlapp machte. Es gab keine Vorwarnung, nicht den kleinsten Moment, um mich darauf vorzubereiten. Jetzt im Hotelzimmer, als ich die Anzeichen einer Ohnmacht spürte, tauchte ich auch schon ab ins Nichts. Mein Versuch, mich vorher noch an den Servierwagen festzuklammern, scheiterte, und so riss ich den Wagen samt Essen und Getränken zu Boden. Alles krachte neben mir auf die Fliesen und ich spürte nur noch einen dumpfen, harten Schlag auf meinem Hinterkopf, bevor tiefes Schwarz mich komplett umhüllte.

 

 

 

Verhängnisvolle Brandung

 

Over the falls

 Hawaii-Roman

 erscheint demnächst

 als Taschenbuch und als E-Book beim BOD Verlag

 532 Seiten

 

 

 

 

 

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